Stellungnahme Jena auswärts 4. März 2018

In den letzten Monaten ergab sich rund um die Spiele von Science City Jena eine für die Basketball Bundesliga neue Brisanz. Der Jenaer Verein formuliert in seiner Hausordnung ein Verbot jeglicher politischer Aussagen im Rahmen ihrer Heimspiele und versucht eben dies nach eigener Auslegung auch durchzusetzen. Wir sehen diese Formulierung sowie die damit einhergehende willkürliche Anwendung aus verschiedenen Gründen als äußert problematisch und fragwürdig, weshalb wir dies nicht unkommentiert lassen wollen.

Basketballspiele als unpolitischer Raum
Science City Jena
versucht mit dem Verbot jeglicher politischer Aussagen während ihrer Heimspiele, diese zu einem unpolitischen Raum zu erklären, was von wenig Verständnis gesellschaftspolitischer Prozesse zeugt. Wo Menschen zusammenkommen, ihre Meinungen verhandeln oder ihren Verein unterstützen, da findet Politik statt. Ob beabsichtigt, oder nicht. Ein kurzer Blick in ein beliebiges Politiklexikon, bestätigt diese These. Noch viel plakativer macht es der Verein selbst vor, wenn in der Halbzeitpause über den Videowürfel Werbung für die Bundeswehr gemacht wird. Das Werben der Bundeswehr, aber auch die Bundeswehr an sich ist ein immer wieder auf nationaler Ebene diskutiertes Politikum, welches hier seitens Science City Jena offenbar vollkommen ignoriert wird. Einen offensichtlicheren Widerspruch konnte Jena kaum liefern. Basketballspiele als unpolitische Veranstaltungen zu deklarieren, geht also schon auf den ersten Blick an der Realität vorbei.

Dies aber zu versuchen, scheint gängige Praxis zu sein, was das Beispiel Fußball mal wieder beispielhaft demonstriert. Dort konnten in den letzten Jahren zahlreiche Prozesse beobachtet werden, die gezeigt haben, dass eine derartige Einstellung politischen Inhalten gegenüber, weniger Rechte davon abhält ihre Inhalte ins Stadion zu tragen, sondern viel mehr Linke, sich dagegen zu positionieren. Die Aachen Ultras und die Ultras Braunschweig litten wie viele weitere Gruppen in Deutschland unter dem Stigma, Politik ins Stadion zu bringen und damit den vermeintlichen Hausfrieden zu stören, als sie sich gegen rechte und rechtsoffene Politik in anderen Gruppen stellten. Jene, die sich für eine solidarische Gesellschaft einsetzten, wurden als Störer ausgemacht und es wurde ein idealer Nährboden geschaffen, in dem rechte Gesinnungsträger*innen ihre Ideologie verbreiten können. Für dahingehend weiterführende Informationen empfehlen wir die Lektüre Grauzonen – Rechte Lebenswelten in Fußballfankulturen.
Diese Entwicklungen zeigen, welche Konsequenzen das Verhalten von Vereinen in Bezug auf Politik im Stadion haben kann. Sportclubs und -vereine müssen sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst sein, die damit einhergeht, wenn sie durch das öffentliche Austragen ihrer Partien und das agieren in der Öffentlichkeit zu einer Instanz des gesellschaftlichen Lebens werden, mit der sich eine Vielzahl an Menschen identifiziert und sich in ihrem täglichen Leben an dieser orientiert. Dies zu ignorieren kann weitreichende Folgen haben.

Jenaer Willkür
In Jena nutzt der Verein den oben genannten Passus in ihrer Hausordnung als Grundlage dafür, willkürlich politische Inhalte zu verbieten. Dies äußerte sich bereits an mehreren Stellen. Der jungen Jenaer Gruppe Baseline Crew (BCJ) wurde ein Überhänger mit der Aufschrift FCK NZS verboten und die Supporters Tübingen sahen sich mit angriffslustigen Ordnern konfrontiert, als diese im Dezember zum Gastspiel in Jena waren. Diese entfernten den am Tübinger Zaun befestigten FCK NZS-Überhänger mit Gewalt und behielten ihn auch über Spielende hinaus ein. Auch wir wurden beim Betreten der Halle darauf hingewiesen, dass das zeigen politischer Inhalte verboten sei. Eine Erklärung, was politische Inhalte seinen und was nicht, blieb der Ordnungsdienst allerdings erwartungsgemäß schuldig.
Das politische Engagement junger Menschen im Sinne einer solidarischen Gesellschaft und entgegen aktueller Entwicklungen in Deutschland und Europa, in denen der Rechtspopulismus mehr und mehr Anhänger gewinnt, sollte breite öffentliche Unterstützung erfahren. Zwar nicht nur in Jena, aber dort, wo die Stärke rechter Strukturen ein ganz anderes Niveau hat, als beispielsweise in Oldenburg, ganz besonders. Stattdessen sehen sie sich Repressionen gegenüber, die vom eigenen Verein ausgehen, indem dieser versucht, die Thematisierung akuter gesellschaftlicher Probleme gewaltvoll aus der eigenen Halle zu halten.

SB_verpixelt

Um diesen Umstand nicht kommentarlos hinzunehmen, sahen wir uns veranlasst auf altbewährte Parolen zurückzugreifen und präsentierten vor Beginn der Partie zwei Spruchbänder mit der Aufschrift „Kein Sport ist unpolitisch!“ und „BCJ bleibt stabil!“ Unsere Solidarität gilt der Baseline Crew Jena, die sich diesen Repressionen an jedem Heimspieltag stellen muss und wir sprechen ihnen Mut aus, weiter für ihre politischen Ideale zu kämpfen und sich nicht vom Verein mundtot machen zu lassen. Es bleibt der Appell an Science City Jena, sich ihrer sozialen Verantwortung bewusst zu werden und der gesellschaftlichen Verpflichtung, die damit einhergeht, gerecht zu werden. Das Ignorieren dieser durch das Verbot politischer Meinungsäußerung ist an sich ein politischer Akt, der nicht im Sinne einer solidarischen Gesellschaft steht, diese vielmehr akut gefährdet.

gli indefessi
März 2018